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Ist Training nicht auch die Kunst herauszufinden was es heisst, sich wirklich gut zu fühlen?

Ich habe erst kürzlich mit Chris McCormack über dieses Thema gesprochen. Er formuliert das so: »Mein Körper ist mein Arbeitsplatz. Um wirklich gute Leistungen abrufen zu können, muss ich mich wirklich gut fühlen.«
   Das klingt so einfach, ist es aber nicht. Jeder unter Ihnen, der regelmäßig viel trainiert, kann das bestätigen. Es ist schwierig zu wissen was es genau bedeutet, sich spitze zu fühlen. Meist weiss man es erst im Nachhinein, wenn die erbrachte Leistung zum subjektiv gefühlten Zustand in Beziehung setzt. Gerade Trainingsintensität und -umfänge sind häufig von der Angst, Leistungsfähigkeit einzubüßen und von den Schuldgefühlen, nicht ausreichend zu trainieren, geleitet. Darunter leiden natürlich als erstes die Regenerationszeiten und damit das Wohlbefinden.

Chris sagte mir, er habe heute, nach so vielen Jahren des Trainings, gelernt, auf seinen Körper zu hören. Der Körper sei ganz schön gewitzt, meint Chris, denn er holt sich sowieso irgendwann was er braucht. Er merkt sich alles. Wenn er sich jedoch mit Gewalt holen muss, was der willensgesteuerte Sportler ihm vorenthält, dann kann dieses Spiel schlecht ausgehen: Leistungseinbruch, Verletzungsanfälligkeit, Infektanfälligkeit, Übertraining, Burn-out, chronisches Müdigkeitssyndrom können die Folge sein... Die Liste der Komplikationen ist lang.
  
Müdigkeit und Erschöpfung müsse man ernst nehmen, sie seien keinesfalls mit Faulheit zu verwechseln, betont Chris. Auch das sei oft nicht so einfach, meint er weise lächelnd, die Faulheit von der Müdigkeit zu unterscheiden. Nur wer sich wirklich gut fühle, als ganzes, denn der Körper sei eben ein Ganzes, der kann Spitzenleistungen zum exakt richtigen Zeitpunkt abrufen. Denn da sind nicht nur die Muskeln, da ist der Kopf, das Herz, die Lungen und da ist im Zentrum das Immunsystem. Alle diese “Systeme” hängen zusammen, sind voneinander abhängig und müssen deshalb optimal zusammenspielen. Genau das ist es, was man mit richtigem Training üben kann, so Chris McCormack.

Roth hat Chris dreimal unter 8 Stunden beendet, und jedes Mal unter für ihn völlig anderen Voraussetzungen. Beim ersten Mal wollte er unbedingt unter 8 Stunden bleiben, mager und austrainiert ist er an den Start gegangen. Es war ein sehr hartes schmerzhaftes Rennen, dieses Unter-8-Rennen. Beim zweiten Mal hatte er fast 4 Kilo mehr und war noch dazu keineswegs austrainiert, wollte eigentlich nur ein lockeres Rennen machen. Es lief alles wie geschmiert. Dieses Unter-8-Rennen empfand er, als wäre es überhaupt kein Kunststück unter 8 Stunden zu bleiben. Beim 3. Mal unter 8, 2007, war es für Chris schon fast selbstverständlich unter dieser Zeit zu bleiben, wenngleich er für den Weltrekord noch mehr aus sich heraus hätte holen müssen. Da war aber schon Hawaii im Kopf.

Chris weiß jetzt wie kaum ein Zweiter über das Timing eines Unter-Acht-Rennens Bescheid, keine große Unbekannte mehr.

Sein Körper verfügt nun über die Erfahrung und Chris weiß genau wie zu trainieren, wie zu pacen. Chris trainiert sehr konzentriert, er spielt im Training die Situationen durch, die im Wettkampf auf ihn zukommen könnten. Er vermeidet Überraschungen, die ihn auch nur für Augenblicke blockieren oder gar in Panik versetzen könnten. Training für die Langdistanz ist für ihn vor allem eine Frage des Timings und des Kopfes, das heisst der Konzentration. Diese fokussiert er auf jede Bewegung um nicht wegzudriften, wenn die Müdigkeit erst einmal einsetzt.

So viel zum Beispiel Chris McCormack. Es gibt eine andere, Nicole Leder, sie denkt sehr ähnlich, sie hört auf ihren Körper, ihre Müdigkeit. Sie hat das halbe Jahr Pause vom Triathlontraining genossen. Trotz des harten Lauftrainings, das sie in diesem Zeitraum machte, war es, so sagt sie, eine Erholung für den Kopf. Wir sehen an ihren Ergebnissen 2007, was es gebracht hat, einmal auf Distanz zum Gewohnten zu gehen.
   Auch Olaf Sabatschus ist einer, der ganz auf seinen Körper hört und z.B. deshalb keine Pulsuhr trägt. Auch er gibt der Müdigkeit nach, wenn sie da ist. Er sagt, dass er nicht mehr als dreieinhalb Stunden täglich wirklich konzentriert trainieren kann. Konzentriert trainieren bedeutet für ihn neuromuskuläre Reize zu setzen, um den Muskel möglichst optimal zu aktivieren. Er hat allerdings auch erlebt, wie ein Tumor, der das Immunsystem stark schwächt, die Leistungen des gesamten Organismus drastisch herunterfährt.
   Und es gibt wieder andere, die aufgrund einer erzwungenen Verletzungspause plötzlich für sie ungewöhnlich gute Leistungen abrufen können. Wiederum andere trainieren sich kaputt, weil sie mit ihren Leistungen unzufrieden sind, und meinen mehr hilft mehr.

Die meisten Studien befassen sich jedoch leider nur mit den messbaren physiologischen und biochemischen Antworten des menschlichen Organismus auf das Training. Und nicht damit, was es heisst, sich gut zu fühlen.
Auch der Frage, auf welche Weise unterschiedliche Trainingsprogramme die menschliche Leistungsfähigkeit beeinflussen, wurde bisher wenig Aufmerksamkeit gewidmet. Den spezifischen physiologischen Anpassungsvorgängen, die durch das Training bedingte Veränderungen der Leistungsfähigkeit erklären, wurde ebenfalls selten nachgegangen.
   Die Schwächen heutiger Trainingskonzepte resultieren vor allem daraus, dass wir letztlich zu wenig darüber wissen, welche Faktoren es sind, die die individuelle Leistungsgrenze bestimmen und Erschöpfung und Müdigkeit nach sich ziehen. Dies ist zum großen Teil deshalb so, weil viele Trainings- und Sportwissenschaftler unbewusst nur ein Modell der Trainingsphysiologie akzeptieren und deshalb kein individuell angepasster Methodenmix erfolgen kann.
   Im Folgenden möchte ich kurz auf unterschiedliche Konzepte eingehen, die einem Trainingsplan zugrunde liegen können. Ich versuche zu zeigen, dass ein Polypragmatismus, also ein individuelle abgestimmter Konzeptmix am besten ans Ziel führt.

Die Modelle, nach denen Sie Ihren Trainingsmix zusammenstellen können
Auf das letzte Modell werde ich hier nicht eingehen. Wen es interessiert, der möchte vielleicht meinen Artikel zur Motivation lesen, der ebenfalls bei tri2b erschienen ist.  

• kardiovaskuläres-anaerobes Modell
• Energieversorgungs-, Energiedefizit-Modell
• Muskelrekrutierungs-/ Muskelkraft-Modell
• Biomechanisches Modell
• Psychologisches, Motivatios-Modell

Vorab sei eine triviale Erkenntnis erwähnt, die jedoch schon auf eines der 5 Trainingskonzepte hinweist, das nicht unterschätzt werden sollte:

Ein Muskel, der nicht trainiert wird, bleibt untrainiert

Jeder Muskel muss bewegt werden, sonst verliert er an Kraft und Schnelligkeit. Trotz vielfältigster sportlicher Aktivität bleiben viele von unseren 656 Muskeln unberücksichtigt. Deshalb können Sie auch als hervorragender, gut trainierter Läufer, wenn sich das Profil der Strecke ändert, einen Muskelkater bekommen.
Sie sollten auch jene Muskeln trainieren, die sie scheinbar gar nicht brauchen. Stiefkinder sind Beckenboden- und Rückenmuskulatur. Nicht nur viele orthopädische Beschwerden resultieren aus einer Muskelschwäche. Muskelschwäche reduziert auch die Ökonomie Ihrer Bewegungsabläufe.
   Wenn Sie auf Schnelligkeit und Kraft wert legen, müssen Sie beides trainieren, allein und in Kombination. Denn Ausdauer ist immer eine Mischung aus beidem. Muskeln geben Ihrem Körper die Spannkraft einer Feder. Federn speichern Energie, das weiss jeder von uns aus der Physik. Diese Energie ist für die Ausdauerleistungs
fähigkeit sehr wohl von Bedeutung. 

Ökonomische Bewegungsabläufe führen zur Leistungssteigerung

Ein trainingsphysiologisches Konzept baut auf diese Form der Energie. Man bezeichnet es als biomechanisches Modell. Es besagt, dass Muskeln ein elastische Energie zurückgebendes System sind. Skelettmuskeln fungieren als Federn und erzeugen Drehmomente. Sie speichern mechanische Energie.
In dieses Kapitel fällt zum Beispiel das Thema Laufökonomie. Wenn die Spitzenleistung eines Ausdauersportlers, wie es ein anderes trainingsphysiologisches Modell vorgibt, an eine vermehrte Sauerstoffzufuhr zum Muskel geknüpft wäre, dann würde die vermehrt entstehende Energie auch an eine erhöhte Wärmeproduktion geknüpft sein. Eine vermehrte Wärmeproduktion ruft aber frühzeitig ein Gefühl der Erschöpfung hervor. Hitzestau führt, wie jeder weiss, zum Leistungseinbruch bzw. -abbruch. Logischer ist es deshalb, den Sauerstoffverbrauch zu reduzieren, und damit bei steigender Effizienz im Bewegungsablauf die Wärmeproduktion zu reduzieren.
   Deshalb: Laufalphabet, Rumpfaufbau, semispezifische Trainingsmaßnahmen etc. geben den Muskeln Elastizität und Spannkraft, Muskeln werden so zu einem System, das Energie zurückgibt. Eine Verbesserung der Laufleistung bei Athleten, die bereits sehr gut trainiert sind, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Verbesserung der Laufökonomie zurückzuführen. Nicht mehr Kraft und größere Muskelmasse und damit verbundener erhöhter Sauerstoffverbrauch bedeuten Leistungssteigerung, sondern Gewicht reduzieren und effizienter laufen.
   Und noch einen Vorteil hat ein gut trainierter, das heisst ein elastischer Muskel (mit einem effizienten Dehnungs- und Verkürzungszyklus). Er ist resistenter gegenüber Schäden, die im Rahmen exzentrischer Belastungen wie beim Laufen auftreten. Mit einem solchen Muskel lässt sich wiederum länger und intensiver trainieren.

Zusammenfassend: Weniger Muskelschäden durch eine reduzierte Wärmeentwicklung im Muskel (auch Hitze schädigt das Gewebe) und weniger Muskelschäden bei exzentrischer mechanischer Belastung bedeuten eine schnellere Regeneration und die Möglichkeit, nicht auf Kosten der Regeneration mehr zu trainieren.

Der Skelettmuskel wird nie sauer

Jeder der mit Sport etwas zu tun, ist mit der Geschichte von den sauren Muskeln vertraut. Ist der Muskel erst einmal sauer, also in eine Sauerstoffschuld hineingerutscht, dann geht nichts mehr. Das wissen wir alle und zweifelten wir eigentlich je daran? Und jetzt soll das alles nicht zutreffen? Nein. Warum? Lesen Sie weiter, wenn Sie Lust haben.

An diesem Punkt vermischen sich zwei Denkmodelle der Trainingsphysiologie, das kardiovaskuläre-anaerobe Modell und das Energieversorgungs-Modell. Sauerstoffverbrauch VO2 (max) und Laktatspiegel sind die Parameter, denen man nachsagt, die Leistungsgrenze festzulegen. Dies tun sie, wenn überhaupt, bestenfalls indirekt. Deshalb sind die Messschwankungen bei diesem Parameter, die im Einzelfall scheinbar die Leistung begrenzen, auch so groß.
   Dieses kardiovaskuläre-anaerobe Modell ist das bei weitem populärste Trainingskonzept. Es geht auf die Arbeiten des Briten A.V. Hill aus den 20er Jahren zurück. Allerdings hatte Hill noch klar erkannt, dass der erste Muskel, der unter maximaler Belastung anaerob werden müsste, der Herzmuskel sein müsste.
Ausdauerleistungsfähigkeit wird in diesem Modell durch das Schlagvolumen des Herzens und die damit verbundene Sauerstofftransportkapazität in den Skelettmuskel begrenzt. Trainingseffekte werden durch eine erhöhte Kapillarisierung des Muskels, eine vermehrte Anzahl an Mitochondrien im Muskel und eine entsprechende Anpassung des Herzens, was Herzfrequenz und Schlagvolumen anbelangt, erklärt. Training erhöht folglich die kardiovaskuläre Fitness, indem mehr Sauerstoff transportiert wird und damit auch mehr zum Verbrauch zur Verfügung steht.
   In direktem Zusammenhang dazu sieht man den verzögerten Anstieg von Laktat im Muskel und im Blut, eine Verschiebung der aerob-anaeroben Schwelle, die mit einem späteren Auftreten von Erschöpfungssymptomen gleichgesetzt wird.
In gleichem Atemzug wird postuliert, dass ein auf diese Art angepasster Muskel mehr Fett für die Produktion von energiereichem ATP nutzen kann. Daraus folgt wiederum der Schluss, dass die Kohlenhydratspeicher geschont werden und dadurch die Ausdauerleistungsfähigkeit steigt.
   Diese durch Training erzielten Veränderungen des Herzens, des Gefäßsystems, des Skelettmuskels und des Stoffwechsels sind selbstverständlich alle durch Studien belegt. Es stellt sich nur die Frage, ob sie wirklich in einem direkten Kausalzusammenhang stehen.

Das Herz ist auch ein Muskel, es müsste als erstes sauer werden

Wenn dieses Modell zu 100% zuträfe, dann müsste als erstes das Herz unter der Sauerstoffunterversorgung leiden und sauer werden. Allerdings wären die Folgen eines sauren bzw. total erschöpften Herzens fatal. Herzkranke wissen nur zu gut, wie sich ein schlecht mit Sauerstoff bzw. Blut versorgtes Herz anfühlt. Es kommt zu starken brennenden Schmerzen im Bereich des Herzen (Angina pectoris). Kein gesunder Sportler an der Leistungsgrenze leidet unter diesen Schmerzen.
   Bis heute hat auch noch keine Studie ergeben, dass der Skelettmuskel, auf den wir beim Training äugen wie das Kaninchen auf die Schlange - wir vergessen dabei alle anderen Organe -, dass dieser Skelettmuskel an einem Sauerstoffmangel leiden oder dass er durch Blut unterversorgt wäre und somit zur anaeroben Arbeit genötigt wäre. Weder ein Leistungsabbruch in großer Hitze oder großer Höhe gibt Hinweise auf einen als sauer zu bezeichnenden Muskel. Auch ein gesundes Herz wird bei maximaler Leistung nicht sauer. Offensichtlich wird die Leistungsgrenze als Teil eines Regulationsprozesses erreicht bevor das Herz an eine lebensbedrohliche Grenzen stösst.
   Bei Belastung in großer Höhe, wo die Luft dünn wird, müsste eigentlich das Phänomen der Anaerobiose der Muskeln als erstes offensichtlich werden. Dem ist aber nicht so. Es verhält sich genau anders herum. Die Laktatkonzentration im Blut sinkt mit zunehmender Höhe und Belastung (Laktat-Paradox). Auch die maximale Herzfrequenz fällt und das Schlagvolumen nimmt in großer Höhe bei sportlicher Belastung ebenfalls ab. Der Leistungsabbruch in großer Höhe erfolgt also dann, wenn die Muskelkontraktionen unter eindeutig aeroben Bedingungen ablaufen. Und noch eine interessante Beobachtung: die Herzfrequenz sinkt mit zunehmender Höhe, also genau das Gegenteil von dem, was man erwarten würde. In großer Höhe könnte vor allem die Versorgung der Lunge ein limitierende Faktor sein.

Die Energieversorgung des Muskel ist kein Engpass bei Steigerung der Ausdauerleistungsfähigkeit

Ob die Kohlenhydratmast nach Saltin, ob Nudelparties oder Dextrane, ob Gele oder Softdrinks aus einfachen Zuckern, ihnen allen liegt ein und die selbe Logik zugrunde, nämlich den Körper mit schnell verfügbarer Energie aufzufüllen. Kohlenhydrate bzw. Glukose gilt als effizientestes Transportmolekül für das energiereiche Molekül ATP, das für Muskelkontraktionen unbedingt benötigt wird. Neben dem Engpass Sauerstoff könnte also auch der ATP-Nachschub ein limitierender Faktor für die muskuläre Leistungssteigerung sein und somit ein ATP-Defizit eine Ursache für Müdigkeit und Erschöpfung.
   Nach diesem trainingsphysiologischen Ansatz muss es Ziel eines jeden Trainings sein, die Energie-liefernden Systeme des Körpers optimal an die Anforderungen der jeweiligen Sportart anzupassen, also Energie möglichst ökonomisch in Bewegung umzusetzen. Zu den Stoffwechselwegen, die trainiert werden müssen, gehören die der energiereichen Phosphatverbindungen, der sauerstoffunabhängige Kohlenhydratstoffwechsel, der aerobe Kohlenhydratstoffwechsel sowie der sauerstoffabhängige Fettstoffwechsel.
   Nach diesen Überlegungen gilt der Sportler als leistungsstärker, der über den Stoffwechselweg, der bei seiner Sportart dominiert, mehr und effizienter ATP generieren kann. Daher rührt die Annahme, dass Sprinter vor allem in der Lage sind, ATP aus den intramuskuluären Phosphatspeichern und aus der sauerstoffunabhängigen Glykolyse (Kohlenhydratabbau) zu erzeugen, wogegen ein Ultramarathonläufer dann leistungsstärker ist, wenn er seine Ernergie aus der sauerstoffabhängigen Fettverbrennung  holt. In einem Wort, der Muskel hört auf zu arbeiten, wenn kein ATP mehr da ist. In diesem Fall käme es zur Muskelstarre. Nun haben aber Untersuchungen unter extremen Bedingungen ergeben, dass die ATP-Konzentration nie unter 60% des Ruhewertes absinkt. ATP in der Zelle fällt ganz selten unter 70%. Der Schluss aus diesen Ergebnisse ist einfach: ATP hat nichts mit dem Prozess der Erschöpfung und der Leistungsgrenze zu tun. Übrigens auch der pH-Wert - ein Indikator dafür wie sauer ein Muskel sein darf - zeigt so breite Schwankungen zwischen den Individuen, dass daraus auch keine direkten Schlüsse auf die Leistungsgrenze gezogen werden können.
   Vielmehr ergab eine Studie, dass weder Laktatazidose noch ATP-Mangel zum Leistungsabbruch führten, sondern eine fehlerhafte Koppelung von Muskelerregung und Kontraktion.
   Dieses Modell, dass die mangelnde Energieversorgung des Muskels ins Zentrum stellt, hat also ebenso gravierende Schwächen wie das »Sauerstoff-Versorgungs-Modell«.

Leere Kohlenhydratspeicher bestimmen die Leistungsgrenze nicht

Auch die Ergebnisse der zu dieser Fragestellung durchgeführten Studien sind nicht eindeutig, obwohl an der Bedeutung der Kohlenhydrate deshalb keiner zweifeln muss. Nur zum allein selig machenden Dogma sollte man sie nicht erheben. Es heisst allgemein, wenn die Kohlenhydratspeicher der Leber leer sind, dann ist die Leistungsgrenze erreicht. Warum erholen sich Sportler dann so schnell von einer Unterzuckerung (Hypoglykämie) und sind umgehend in der Lage, ihr Training wieder aufzunehmen?
   Natürlich berichten viele Untersuchungen über den Zusammenhang zwischen dezimierten Kohlenhydratspeichern im Muskel nach langer Belastung und vorhandener Erschöpfung. Das bedeutet jedoch noch lange nicht, dass hier ein linear-kausaler Zusammenhang vorliegt. Über die Ergebnisse der Studien zum Carboloading lässt sich ebenfalls streiten, ein Placebo-Effekt ist hier nicht auszuschließen. Denn es gibt auch Untersuchungen bei Athleten, die nach einem Carboloading nach etwa 4 Stunden das Training wegen Erschöpfung abbrachen und dabei die selben Kohlenhydratkonzentrationen im Muskel aufwiesen wie eine Stunde zuvor, als sie noch keine Erschöpfungssymptome verspürten.
   Ohne Zweifel sind Kohlenhydrate wichtiger Brennstoff, aber sie sind sicher nicht allein für die Erschöpfungszustände, den Leistungsabbruch und die Leistungsgrenze des Sportlers verantwortlich. Keine Studie scheint bisher belegen zu können, dass Training die Ausdauerleistungsfähigkeit deshalb verbessert, weil vermehrt Kohlenhydratspeicher im Körper angelegt würden.

Leistungen wie sie bei einem IRONMAN abrufbar werden, lassen sich durch dieses Modell überhaupt nicht erklären, speziell nicht die Laufleistung am Ende. Wäre ein Speicherdefizit vorhanden, dann dürfte eine Laufleistung von mittlerer Intensität gar nicht mehr möglich sein. Nach Laboruntersuchungen zu schließen, müsste ein Athlet der die Radstrecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 40 km/h zurücklegt, längst leere Kohlenhydratspeicher haben, dennoch können die Besten die Laufstrecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 16 km/h bewältigen. Das entspricht einer Leistungsintensität von >66% VO2max. Eine Ausdauerbelastung von bis zu 6 Stunden übersteigt die Kapazität der Speicher in Leber und Muskel, so schätzt man, um bis zu 100%. Es wird deshalb diskutiert, ob nicht zusätzlich möglicherweise Laktat aus den inaktiven Muskeln verbrannt (verstoffwechselt) wird. Eine andere ebenso plausible Theorie postuliert, dass der Athlet, der in der Lage ist, Fett optimaler zu verbrennen, bessere Leistungen abrufen kann.

Konzentriertes Training kann die neuromuskulären Impulse intensivieren

Jeder Muskel benötigt zur Kontraktion einen Impuls vom zentralen Nervensystem. Diese Impulse bestimmen, wie viele Muskelfasern aktiviert werden, und Sie werden erstaunt sein, das sind nur etwa 20% des gesamten aktiven Muskel in der höchsten Belastungsphase. Man spricht auch von einer Müdigkeit und Erschöpfung, die durch das zentrale Nervensystem ausgelöst wird, eine so genannte zentrale Erschöpfung und Müdigkeit.
   Handelt es sich hier um die berühmte Müdigkeit im Kopf, von der viele Athleten berichten. Es ist nachzuweisen, dass der zentralnervöse Drive abnimmt, wenn der Muskel ermüdet. Dabei liegt jedoch weder eine anaerobe Situation vor, noch sind die Speicher leer. Noch ein Beleg dafür, dass Müdigkeit und Erschöpfung eine zentralnervöse Komponente haben, ist die Tatsache, dass beim Training in großer Höhe weniger Muskelfasern durch das zentrale Nervensystem rekrutiert werden. Das selbe scheint auch für große Hitze zu gelten. Vorkühlen verbessert deshalb die Leistung, genauso wie »Vorwärmen« sie verschlechtert. Diese zentrale Müdigkeit im Gegensatz zur peripheren Müdigkeit, die in den anderen Modellen maßgeblich zur Leistungsgrenze beitrug, setzt ein, bevor es zu lebensbedrohlichen Situationen in den Organen kommen kann. Es gibt also Sicherheitsmargen, um den Herzmuskel zu schützen, die ATP-Versorgung zu sichern und den Körper ganz generell im Gleichgewicht zu halten.
   Nicht nur einfach trainieren, sondern mit dem Kopf bei der Sache sein, das verändert die Trainingseffizienz und erhöht die Resistenz gegenüber Erschöpfung. Neuromuskuläre Verbindungen müssen ebenfalls trainiert werden.

Regelkreise im zentralen Nervensystem geben die Leistungsgrenze vor

Ein schöner, meiner Ansicht nach sehr einleuchtender Vergleich, der diesen Denkansatz unterstützt, und gleichzeitig zeigt, dass Messparameter allein ganz schön in die Irre führen können, ist der zwischen sportlicher Höchstleistung und einem äußerst gefährlichen Krankheitsbild, das nicht selten zum Tod führt. Das Krankheitsbild heisst SIRS (systemic inflammatory response syndrome) und kann viele Ursachen haben. 2 oder mehr der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein, um ein SIRS zu diagnostizieren: Körpertemperatur über 38°C, Herzfrequenz über 90/min, Atemfrequenz über 20/min, Leukozyten über 1200/µl oder unter 4000/µl, unreife Leukozyten über 10%. Bei einer Marathon- Spitzenleistung können die selben Werte gemessen werden, ohne auch nur im geringsten gesundheitsgefährdend zu sein.
   Wir sehen, wie wichtig der Kontext der Messung ist und dass Messwerte, ein Surrogat aus vielen Komponenten darstellen, und dass offensichtlich gesunde Regulationsprozesse, die hinter den Messungen ablaufen, ausschlaggebend sind und nicht die Messung an sich.

Ob es einen zentralen Regler gibt? Es gibt sicherlich ein komplexes Netz an Regelkreisen, zentral und peripher, die dafür sorgen, dass kein Organ oder Organsystem an seine tödliche Belastungsgrenze getrieben wird. Deshalb ist die Leistungsgrenze ein Ergebnis, in dessen Berechnung alle genannten Parameter einbezogen werden. Es handelt sich um kein endgültiges Ergebnis, sondern um ein Kalkulation, die ständig neu erfolgt. Training beeinflusst dieses Ergebnis und verändert die Stellgrößen und den Takt der Regelkreise in das Leben nicht bedrohenden Grenzen.
Sie sehen, dass es hier sehr schwer wird, aufgrund der Datenlage nur für einen Trainingskonzept zu entscheiden. Das Dickicht der Fakten führt uns an den Anfang zurück, dass nämlich in alle dem ein bisschen Wahrheit steckt. Die Ausdauerleistungsfähigkeit zu verbessern und diese Leistung auch zu einem definierten Zeitpunkt abrufen zu können, ist eine heikle Sache und Aufgabe des Trainings. Mehr und mehr Coaches empfehlen so etwas, wie auf die innere Stimme zu hören, herauszufinden, was es bedeutet sich gut zu fühlen, und angepasst an dieses Gefühl zu trainieren.
   Das betont auch Chris McCormack. Er sagt: »The body is a smart thing. And it is one body, everything is related to everything, people tend to forget this«.
Deshalb führt nicht ein einziger Weg ans Ziel. Sich gut fühlen, schwierig, dieses Gefühl lässt sich nicht mit der Pulsuhr messen und nicht mit Kohlenhydraten in sich hineinstopfen. Es ist genau diese Kunst, im Training herauszufinden, welchen Trainingsmix Ihr Körper braucht, um dieses Wohlbefinden zu herzustellen, das zu optimaler Leistung führt.


Vielen Dank für die vielen Inspirationen an TD Noakes, Universität Kapstadt, Südafrika