Wenn ich an dieser Stelle beginne, die Geschichte der Biestmilch aufzurollen, so betreten sehr schnell eine Reihe von Akteuren die Szene, die alle entsprechend ernst genommen werden wollen. Zu diesen gehören die Naturwissenschaften, die Naturheilkunde, das Alltagswissen oder die Erfahrung und auch das Marketing und die Gesetzgebung sind mit eingewoben.
Nachdem wir ja eigentlich die Erfinder der Biestmilch sind, also ihren Anfang markieren, und somit eine Art Präzedenzfall »Biestmilch« darstellen, kann ich uns bei diesen Ausführungen nicht vernachlässigen. Es würde ein Anschein von Objektivität erweckt, der von vornherein fragwürdig erscheinen muss. Ich stelle deshalb voran, dass es eine Biestmilch-Historie aus den letzten Jahrhunderten gibt und eine Biestmilch-Historie, die eng mit uns verknüpft ist. Biestmilch und ihr Erklärungsprinzip vertragen die Subjekt-Objekt-Differenz ohnehin nur schlecht. Aber dazu in Kürze später.

Gerade habe ich einen Satz in einem eben veröffentlichten Marktingbuch gelesen, der da lautet: Die Geschichte sollte einfach sein.
So richtig lässt sich jedenfalls das Akzeptanzproblem der Biestmilch nicht durch ihren Schwierigkeitsgrad erklären. Warum jedoch wurde Biestmilch zu so einem schwierigen Thema, dem einerseits mit großer Offenheit und Begeisterung und andererseits mit großen Vorbehalten entgegengetreten wird. Ist sie wirklich so suspekt, so schwierig zu verstehen? Ist ihr Konzept nicht plausibel?
Sie ist 100% natürlich, keine Designerdroge aus irgendeiner chemischen Küche. Sie ist uralt und hat Säuglingen über alle Arten hinweg das Überleben seit Jahrtausenden gesichert. Biestmilch hat sich zudem in den letzten Jahrzehnten zumindest im Rahmen der Debatten um das Stillen wieder eine Position erkämpft. Neueste Studien, die dem Standard der Naturwissenschaft gehorchen, dokumentieren heute ihre Bedeutung bei der Allergieprävention sehr deutlich. Dem zuwider läuft wiederum der Glaube vieler Wissenschaftler an das Dogma der Speziesdifferenz und das alte Lehrbuchwissen, dass im Magen-Darmtrakt alles, was wir zu uns nehmen, in seine elementaren Bausteine zerlegt wird.
Hierbei handelt es sich definitiv um Ansichten aus den Anfängen der Biologie, denen inzwischen alle modernen basiswissenschaftlichen Erkenntnisse widersprechen. Der Grad der Verwirrung lässt sich noch weiter erhöhen, wenn man die fanatischen Milchgegner hinzuzählt und jene, die, der Ansicht sind, dass die Natur mit der Biestmilch nur den einen Zweck verfolge, es nämlich für Neugeborene bereit zu halten. Im Erwachsenenalter wird für diese Menschen Biestmilch zu einer der Natur zuwider laufenden Substanz.
Zweifelsohne wird hier für jeden deutlich, welche Vielzahl von Weltanschauungen und Beobachtungsstandpunkten beim Thema Biestmilch zu interferieren beginnen. Es mischen sich Naturwissenschaft mit Marketing, Erfahrungen mit Biologie, Biologie mit Glauben, Gesetze mit Weltanschauungen etc.. Letztlich sind alle Kombinationen möglich und auch zu finden. Das kann ich nun wiederum aus unserer eigenen Erfahrung bestätigen.
Dazu gesellt sich als eklatantes Handicap noch der Gesetzgeber mit seinen Auflagen, der es nicht erlaubt die unzähligen Wirkungen der Biestmilch beim Namen zu nennen. Dies resultiert wiederum daraus, dass Gesetze die naturwissenschaftliche Beweisführung für ihr Regelwerk heranziehen und die Naturwissenschaft sich mit der Biestmilch als Substanz von hohem Komplexitätsgrad sehr schwer tut. So kommt es also zu einer Vermischung der Standpunkte, zu einem eher unordentlichen Bild, das dazu führt, dass die Biestmilch in einem Filz von Diskursen, für den Außenstehenden verdächtig verwirrend, untertaucht.
Je weiter ich in der Geschichte zurückgehe, in eine Zeit, in der die Naturwissenschaft noch nicht unseren Alltag mit ihren Wahrheiten dominierte, desto klarer werden die Standpunkte gegenüber Biestmilch. Erfahrungen und Beobachtungen aus dem Alltag zählten damals und gaben der Biestmilch deshalb einen eindeutig therapeutischen Stellenwert.
Ich zitiere eine Textstelle aus D. Johann Georg Krünitz' ökomisch-technologischer Encyklopädie, 1803, die dies sehr schön belegt:
»... Man darf also das Kolostrum nicht als eine Flüssigkeit ohne Bedeutung betrachten; es ist von der Natur und durch die Verhältnisse seiner Bestandtheile unstreitig bestimmt, die Stelle eines wahren Arzneymittels zu vertreten... «
Auch im Handwörterbuch zur Deutschen Volkskunde und im Deutschen Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm findet die Biestmilch Raum. Es ranken sich wundersame Geschichten um sie. Sie war Heils- und Glücksbringer, aber auch dämonische Züge schimmern durch ihr Wesen. Vielleicht deshalb, weil ohne Sterilisationsverfahren natürlich auch immer Infektionen übertragen wurden.
Im 20. Jahrhundert verlieren sich die Spuren zunehmend. Zum einen hat sicherlich die Tuberkulose dazu beigetragen, die über die Milch übertragen wurde, und zum anderen haben die Antibiotika, sicherlich die größte Errungenschaft der Naturwissenschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Biestmilch verdrängt. In den 30er Jahren verliert die Biestmilch ihr Recht, als Milch in den Verkehr gebracht zu werden. Erst in den 80ern des letzten Jahrhunderts erkämpft sie sich einen Platz als Lebensmittel.
Man tut sich schwer mit dieser Biestmilch. Sie entzieht sich den reduktionistischen Beweisverfahren der modernen Naturwissenschaften und wirkt trotzdem. Hier sind wir schon mitten in der Geschichte der Biestmilch, die uns betrifft. Die Menschen, die als Kind noch mit Biestmilch kuriert wurden, werden immer weniger. Sie sind heute zumindest 70 Jahre alt. Die Zeiten, in denen man auf dem Land Biestmilch sorgsam gesammelt hat, um sie Kindern und Alten zur Stärkung zu geben, gehören also bald ganz der Vergangenheit an.