Ein Attraktor beschreibt
einen Gleichgewichtszustand
Autofahren links oder rechts, oder wo?
Wenn Sie schon über viele Jahre Auto fahren, dann denken Sie nicht mehr darüber nach, wann Sie zu blinken haben, Sie suchen den Blinker auch nicht. Sie denken auch nicht über den Bremsweg oder den Abstand, den Sie zum Vordermann halten sollten, nach.
Ihr Verhalten beim Autofahren ist stabil, Sie kuppeln, Sie geben Gas, Sie bremsen ohne jede gedankliche Verzögerung. Das muss nicht unbedingt heißen, dass Sie gut und sicher fahren und das heisst auch nicht, dass Sie alles richtig machen. Es heisst nur, dass alle Handgriffe und Reaktionen automatisch ablaufen.
Sind Sie schon einmal in England, Australien oder Zypern Auto gefahren?
Dort sitzt und fährt man nämlich auf der anderen, der linken Seite. Eine so kleine Veränderung kann uns schnell aus unserer stabilen Autofahrer-Verhaltens-Bahn werfen. Unser Verhalten beim Auto fahren wird fehleranfällig, vor allem dann, wenn wir zum Beispiel in brenzligen Situationen unmittelbar aus dem Bauch heraus reagieren sollten.
Wir müssen uns ganz auf das Fahren konzentrieren. Aus einem sonst so stabilen Attraktor ist ein sehr zerbrechliches labiles Konstrukt geworden.
Labil ist das Gleichgewicht auf einem Bein!
»Auf zwei Beinen steht es sich stabiler als auf einem.«
An dieser Aussage dürfte wohl zunächst kaum jemand Zweifel hegen.
Aber was für ein Gleichgewicht ist das, auf zwei Beinen ein statisch-stabiles, auf einem Bein ein dynamisch-labiles?
Wenn Sie sicher auf zwei Beinen stehen, könnte ich mir vorstellen, dass einer von Ihnen voreilig ausruft: »Statisch, stabil!«
Falsch, stellen Sie sich auf ein Bein und versuchen nicht umzufallen. Wenn man nicht geübt ist, dann ist das keine leichte Übung. Oder versuchen Sie sich Socken anzuziehen, ohne sich festzuhalten? Bei so manchem wird man bei diesem Versuch ein ganz schönes Gewackel beobachten.
Es ist nicht so einfach sich in einem ungewohnten Gleichgewicht zu halten, einem Gleichgewicht, das man nicht geübt hat. Auch auf zwei Beinen stehen – obwohl wir das ja nun von Kindesbeinen an geübt haben – ist mehr als nur zwei gleich schwere Gewichte in Waagschalen zu legen.
Tausende Signale werden in eine Körperposition umgerechnet und die Haltung ständig minutiös korrigiert. Man merkt schon wie komplex dieser Vorgang ist, wenn man versucht auf einem Bein und auf Zehenspitzen zu stehen.
Denken Sie an einen Menschen, der einen Schlaganfall oder ein Schädel-Hirn-Trauma hatte, wie schwer oder unmöglich es ihm sein kann, stabil auf zwei Beinen zu stehen, denken Sie an ein Kind, das die ersten Schritte tut, wie es hin und her wackelt, immer in Gefahr ist umzufallen.
Andererseits stellen Sie sich einen Akrobaten oder einen Tänzer vor. Für ihn ist auf einem Bein zu stehen wie für Sie auf zweien. Also ist das alles nicht so einfach und eindeutig, wie es zu Anfang aussah.
Was also auf zwei Beinen, unserer gewohnten Haltung, so selbstverständlich erscheint, ist auf einem ganz und gar nicht so. Ständig müssen wir unsere Position korrigieren, die aus abertausenden Informationen, die aus der Peripherie des Körpers wie der Fusssohle, dem Becken, dem Rumpf, dem Kopf, den Gelenken und ihren Verhältnissen zueinander etc. im zentralen Nervensystem berechnet wird.
Eindeutig ein dynamischer Gleichgewichtszustand eines komplexen Systems, bei manchen stabil-dynamisch, bei anderen labil-dynamisches, je nach Übung.

