Immunschwäche bedeutet Leistungsschwäche
Bei Überbelastung können Krankheitssymptome erneut auftreten
Alle Beiträge in unserem Magazin handeln in irgendeiner Form vom dynamischen Gleichgewicht des Organismus, wie man es aufrechterhält oder was es bedeutet, es zu verlieren. Als Triathlet fordern Sie ihr ureigenstes Gleichgewicht ständig heraus. An dieser Stelle möchte ich darüber sprechen, dass Gleichgewicht etwas Individuelles ist, dass sich deshalb Ihr Gleichgewichtszustand nicht einfach auf einen anderen übertragen lässt, dass Gleichgewicht ein aktiver Prozess ist, der oft einen heiklen Balanceakt darstellt.
Wenn Sie nicht vom schmalen Grat des Gleichgewichts in ein Tal kippen möchten, aus dem heraus der Weg oft langwierig ist, dann sollten Sie die Zeichen Ihres Körpers, die einen drohenden Leistungseinbruch andeuten, ernst nehmen.
Ich definiere das dynamische Gleichgewicht hier als einen Zustand des Wohlbefindens, der durch die optimale Zusammenarbeit von Immunsystem, Nervensystem und Hormonen erzeugt wird.
Optimales Gleichgewicht bedeutet
Topp-Leistungsfähigkeit bei Topp-Wohlbefinden
An den Anfang möchte ich ein Beispiel stellen, dass eindrücklich zeigt, wie ein Körper aus dem Gleichgewicht rutscht und seine Puffer-Kapazitäten langsam überschritten werden. Profi-Triathlet O. S. leidet an belastungsabhängigem Asthma. Die allergische Komponente ist nicht eindeutig geklärt. Während der Wettkampfsaison 2005 hatte er wieder besonders stark unter Asthma zu leiden. Eine Ursache dafür war sicherlich die vorangegangene extrem anstrengende Wettkampfsaison 2004 mit 4 IRONMAN-Langdistanzen und nicht wenigen Wettkämpfen auf kurzen Distanzen.
Im Juli 2005, es war in der hochintensiven Trainingsphase kurz vor dem IRONMAN Zürich, bei dem er eigentlich an den Start gehen wollte, als sich O. eine Schnittwunde in der Fußsohle im Bereich des Vorfußes zuzog. An Lauftraining war jetzt natürlich nicht mehr zu denken. Wegen der Verletzung wurde ihm routinemäßig eine Tetanusspritze gegeben. Unmittelbar danach ging es O. sehr schlecht. Kopfschmerzen, Gliederschmerzen, extreme Müdigkeit, er fühlte sich wie bei einer schweren Grippe. Solche Impfreaktionen kommen bei 3 bis 5% der Geimpften vor allem dann vor, wenn das Immunsystem bereits geschwächt ist. In diesem Fall wird sehr offensichtlich, was passiert, wenn das Immunsystem an zu vielen Fronten aktiv sein muss.
- Hochintensives Training fordert das Immunsystem (Muskeladaptation und Heilungsprozesse der Mikroläsionen)
- Asthmasymptome werden durch das Immunsystem reguliert und kontrolliert.
- Die Fussverletzung löst einen Entzündungsprozess aus, ebenfalls eine Immunreaktion.
- Durch die Tetanus-Impfung wird eine Miniinfektion gesetzt, auf die das Immunsystem entsprechend reagieren soll.
Alle vier Punkte fordern das Immunsystem und haben es zum guten Schluss überfordert und die Impfreaktion ausgelöst. O. demonstriert mit seinem Fall hier beispielhaft, an welchen Rädchen das Immunsystem dreht. In diesem Fall ging alles glimpflich ab. Olaf hat den Wettkampf in Zürich abgesagt, das Training zurückgeschraubt bis die Impfreaktion abgeklungen und die Wunde am Fuss verheilt waren.
Seitdem ich durch Biestmilch mit vielen Athleten über ihre gesundheitlichen Probleme spreche, habe ich mit Bestürzung feststellen müssen, wie viele Sportler unter den verschiedensten Symptomen leiden, die auf eine Inkompetenz und Überlastung des Immunsystem hindeuten. Viele der Krankheitssymtome nehmen unter der Belastung intensiven Trainings oder durch die Wettkampfbelastung zu, manche tauchen auch erst dann auf. Beunruhigend ist vor allem, dass schon junge Athleten zwischen 15 und 20 Jahren an ungeklärten Schmerzsymtomen leiden, oder, kaum bewegen sie sich im Training aus dem Grundlagenausdauerbereich heraus, erkranken sie ständig an irgendwelchen Infekten.
Oft haben sie schon viele Ärzte unterschiedlicher Fachdisziplinen ohne Erfolg aufgesucht. Hier eine kurze Aufzählung der Probleme, die dafür sprechen, dass man gerade dabei ist vom schmalen Grat des Gleichgewichts abzukommen, und Alarmzeichen auftauchen, die einen dazu bringen sollten, vorsichtig zu sein, um nicht in eine Talsohle zu rutschen, aus der man nur schwer wieder herauskommt: akute Infekte der Atemwege und der Nebenhöhlen, Herpesinfektionen, Magen-Darm-Infektionen bzw. Darmregulationsstörungen, plötzliches Auftreten von Verletzungen, Schmerzen, typischerweise in der Leiste, im Knie, im Kreuz oder in der Achillessehne, die in keiner Relation zu dem stehen, was z. B. das Röntgenbild zeigt, Belastungsasthma, Ausbreitung einer bestehenden Allergie auf andere Organe (zum Heuschnupfen gesellt sich plötzlich ein Asthma), Aufblühen einer Neurodermitis... die Liste ließe sich noch verlängern.
Die meisten Erkrankungen oder die Leistung beeinträchtigenden Probleme bei Athleten stehen entweder im Zusammenhang mit akuten Belastungssituationen oder sind das Ergebnis langjähriger chronischer Belastung. Die Folgen akuter Belastungssituationen sind reversibel und bei entsprechender Regeneration rasch verschwunden. Anders ist dies bei den Komplikationen, die aus über Jahre bestehenden chronischen Stresszuständen hervorgehen, wie Verletzungsanfälligkeit mit verzögerten Heilungsprozessen, Übertraining, chronische Virusinfektionen, Burn-out, chronisches Müdigkeitssyndrom oder die starke Verschlechterung oder Reaktivierung bereits bestehender Erkrankungen. So haben mir eine Reihe von Athleten erzählt, dass in Phasen einer Trainingspause, die durch den Beruf oder die Familie erforderlich waren, plötzlich keine Allergie-, Asthma- oder Neurodermitis- Symptome mehr auftraten. Bei Wiederaufnahme des Trainings begannen die Probleme von Neuem, teilweise waren sie schlimmer ausgeprägt als zu Anfang der sportlichen Karrieren.
Was passiert, was läuft verkehrt?
Eine kurze Betrachtung aus dem Blickwinkel der Biologie
Jeder Einfluss auf unseren Organismus, der sein Gleichgewicht bedroht, ist ein Stressor, der die Stressantwort aktiviert. Stressoren können physische ebenso wie psychische Faktoren sein. In der Regel läuft die Stressantwort ohne Einfluss des Bewusstseins ab. Meist schaltet sich das Bewusstsein erst im Nachhinein ein, wenn eine Reaktion bereits zu spät käme.
Damit Ihr Körper, das tut, was Sie gerne von ihm hätten, muss die biologische Stressantwort optimal ablaufen. Sie wird vom Immunsystem, dem zentralen Nervensystem (ZNS) mit seinem senso-motorischen Anteil, dem autonomen Nervensystem (sympathisches und parasympathisches Nervensystem) und dem System der Hormone mit den verschiedenen zentralen und peripheren Cortisol- und Katecholamin-Regelkreisen (Adrenalin, Noradrenalin) initiiert, aufrechterhalten und kontrolliert.
Dieses gesamte System komplexer Regelkreise wird durch Wahrnehmungen und deren Interpretation moduliert (siehe Beitrag »Motivation«), durch die Antigenflut, die über die Schleimhäute von Darm und Lunge ständig Druck auf das Immunsystem ausübt und durch einer Vielzahl anderer Reize wie z. B. Blutdruck, Körpertemperatur oder Blutzuckerspiegel etc..
Oberster Taktgeber und Koordinator für die Basisaktivität unseres Körpers und den Ablauf der Stressantwort sind verschiedene Zentren im ZNS. Integriert in diesen vorgegebenen individuellen Basisrhythmus ist das Immunsystem und die Regelkreise um die verschiedenen Abkömmlinge des Cortisols und die Katecholamine. Das Immunsystem wird durch ein überaktives autonomes Nervensystem gedämpft. Zu dieser Dämpfung tragen zusätzlich die Cortisolregulationsschleifen bei. Das Cortisol-System ist während Stressphasen immer hochaktiv.
Wegen dieser seiner immunsuppressiven und entzündungshemmenden Wirkung wird Cortison auch gerne als Therapeutikum eingesetzt. Viele von Ihnen werden schon die schmerzstillenden, entzündungshemmenden Effekte des Cortisons erlebt haben. Im Rahmen einer Stressantwort sind somit nach einer kurzen Aktivphase alle Systeme darum bemüht, die Stressantwort unter Kontrolle zu halten, sonst breiten sich die Entzündungsherde, die über Darm, Lunge und Muskelarbeit ständig entstehen, im Körper aus. Je nach genetischer Disposition werden Krankheiten Tür und Tor geöffnet.
Mit akuten Stresssituationen kommt der Körper in der Regel gut zurecht, wird Stress jedoch chronisch, das heisst, die Belastungssituation lässt einfach nicht nach, wie das bei Ihnen als Triathlet, der berufstätig ist, eine ausreichende Stundenzahl pro Woche trainieren will/muss und noch Zeit für die Familie aufbringen möchte, leicht der Fall sein könnte, dann kommt es zu einer Verstellung der Regelkreise und damit zu Fehlregulationen im Stress-System mit den unterschiedlichsten Komplikationen. Das Resultat sind zunächst funktionelle Störungen, denen kein organisches Substrat (organische Diagnose) zugrunde liegt. Arztbesuche verlaufen deshalb oft frustrierend. Sie erhalten keine Diagnose und sind trotzdem nicht gesund. Wer jedoch funktionelle Störungen bagatellisiert und sich in der Leistungsspirale weiter nach oben treibt, der kann leicht eine Bruchlandung erleben, von der er sich nur schwer erholt.
Zu viel Kontrolle unter Dauerstress schwächt das Immunsystem
Damit vor allem über die Schleimhäute des Darms und der Lunge nicht das ganze Immunsystem des Körpers aktiviert wird, damit eine Immunantwort lokal begrenzt bleibt, ein Entzündungsprozess sich nicht ungehindert ausdehnen kann, aktiviert das Immunsystem über Zytokine die Kontrollsysteme, die seine Aktivität bremsen, nämlich das autonome Nervensystem und die Cortisol-Regelkreise. Bei chronischem Stress kommt ein bereits aktiviertes System nicht mehr zur Ruhe. Je nachdem welche Aktitvitätsmuster im Immunsystem entstehen, das heisst, in welchem Verhältnis aktivierende und dämpfende Prozesse zueinander stehen, werden Allergien gebahnt, Infektionen oder Wundheilungsstörungen ausgelöst oder eine Neurodermitis verschlechtert. Allen diese Erkrankungen liegt ein Ungleichgewicht im Immunsystem oder im Zusammenspiel der Systeme, die sozusagen die Stressantwort booten, zugrunde.
Sportliche Überbelastung kann über eine Aktivierung aller drei Komponenten, über eine besondere Anfälligkeit für Stress in einem der drei Regulationssysteme oder eben aus einer fehlerhaften Kooperation aller drei entstehen. Es gibt Fehler, die sind genetisch bedingt, andere haben mit unserem Lebensstil zu tun, andere wiederum damit, dass wir Warnzeichen des Organismus ignorieren.
Deshalb gelten auch an dieser Stelle wieder die leidlichen Regeln:
Regenerationszeiten einhalten, nicht nur für die Muskeln, sondern auch für den Kopf, Warnzeichen des Körpers ernst nehmen, und wenn möglich, für sich einen guten und ausgeglichenen Speiseplan zusammenstellen. Eine asketische Lebenshaltung und der Verzicht auf alles, was einem schmeckt und Spass macht, ist nicht unbedingt der richtige Ratgeber, um erfolgreich zu sein. Das Immunsystem sollte in jedem Fall bei der Trainingskonzeption berücksichtigt werden. Vielleicht denkt so mancher von Ihnen auch einmal daran, dem Nervensystem zuliebe mentales Training in den Trainingsplan aufzunehmen.

