DIE ENTZÜNDUNG IN UNS: WOHLTUEND, WÄRMEND, GLÜHEND HEISS ODER FRÖSTELND KALT

Es ist die Entzündung, die uns im Innersten zusammenhält. Das Feuer der Entzündung brennt, lodert oder schwelt immer in uns. Das Feuer sollte ruhig brennen, dann fühlen wir uns wohl. Lodert es, tragen wir eine heiße, eine akute Erkrankung in uns. Schwelt das Feuer über Jahrzehnte in uns, dann erkranken wir mit Sicherheit irgendwann an einer chronischen Erkrankung.

Wenn ich die Entzündung so beschreibe, hat das natürlich wenig mit der Sprache der Wissenschaft zu tun, dennoch treffen diese Worte den Kern. Chronische Krankheiten und Wohlbefinden werden so zu Zuständen auf ein und der selben Skala der Intensität (Abb. Seite 125). Behandeln und Vorbeugen nähern sich an oder werden identisch. 

Erkrankungen statt anhand von Diagnosen nach ihrer Temperatur einzuteilen, ergibt Sinn, wenn wir die Entzündung als den Ausgangspunkt für Wohlbefinden und Krankheit betrachten. Eine innerhalb von Grenzwerten konstante Körpertemperatur ist überlebenswichtig. Wird der Organismus zu heiß oder zu kalt, können die biochemischen Reaktionen zur Energiegewinnung nicht mehr ablaufen. Ohne diese Energie folgt irgendwann der absolute Stillstand, alle Prozesse, die den Organismus im Gleichgewicht halten, kommen zum Stehen. Die Entzündung, diese Kraft, die uns im Innersten zusammenhält, wird destruktiv bis zur Selbstauflösung. 

Die traditionelle Chinesische Medizin unterteilt Krankheiten nach ihrer Temperatur. Diagnosen sind für sie nicht von Bedeutung. Die entsprechenden Kräutermischungen werden danach zusammengestellt, wie kalt oder heiss eine Erkrankung ist. Viele unter Ihnen werden schon mit dieser Medizin in Kontakt gekommen sein und ihre Kraft erfahren haben.

Die Sprache der Naturwissenschaft hört sich ganz anders an

Bei uns im westlichen Kulturkreis wird die Entzündung minutiös zerlegt. So sind eben die Naturwissenschaften und so entwickelte sich im letzten Jahrhundert auch die Medizin. Sie entfernte sich von einer Erfahrung- und Beobachtungsmedizin zu einer Apparate- und Technik orientierten Medizin.

Je mehr Maschinen uns zur Verfügung standen, den Prozess der Entzündung jenseits von dem, was das Auge in der Lage ist zu sehen, zu entdecken, desto mehr waren Wissenschaftler gezwungen, die Entzündung als Ganzes in kleinere Happen zu zerlegen. Auf diese Weise entstanden das Immunsystem, das autonome Nervensystems und die Hormone wie Cortisol und Adrenalin.
Später, als man erkannte, dass diese Systeme dicht miteinander verwoben sind und intensiv kommunizieren, um den Zustand der Entzündung hervorzubringen, wurden die drei Systeme wieder zu einem Ganzen - dem Stress-System - zusammengeführt. Heute sind sie auch als die Supersysteme der Regulation bekannt.

Temperatur, Feuchtigkeit, mechanische Kräfte und Spannungen zwischen unterschiedlichen Materialien führen zu Brüchen und Zerstörung wie auf diesem Foto von einem Straßenbelag. Nicht viel anders ist das in unserem Organismus.

Stress-System – Stress – Entzündung: was ist das eigentlich?

Stress beschreibt einen Zustand des Übergangs zwischen Physiologie und Pathophysiologie. Walter B. Cannon, ein amerikanischer Physiologe, führte den Begriff Stress 1914 in die Biologie ein. Er war eine Leihgabe aus dem Gebiet der Physik und beschreibt die Kraft, die durch Zug auf einen physikalischen Körper ausgeübt wird (z. B. erfolgt das Biegen eines Stück Metalls bis zum Bruch durch die Kraft oder den „Stress“, der auf das Stück ausgeübt wird)

Der französische Physiologe Claude Bernard und der amerikanische Physiologe Walter B. Cannon könnten als die Erfinder des Stress und des Konzepts der Homöostase - des inneren Gleichgewichts des Organismus - betrachtet werden, ein Modell, das alle Regulationsprozesse des Körpers zu fassen versucht. In seinem Buch „die Weisheit des Körpers“, geschrieben von Walter B. Cannon im Jahre 1932, vertritt er ein ganzheitliches Konzept, in dem die innere Balance des Körpers durch selbst-regulatorische Prozesse der Anpassung erreicht wird. Eine andere Schlüsselfigur in der Geschichte der Popularisierung des Stress war Hans Selye in den 30er Jahren. Er verband das Phänomen des Stress mit dem generellen Anpassungs-Syndrom des Organismus. In diesem Fall wird Stress zu einem rein biologischen Prozess reduziert, der zur Aufrechterhaltung der Homöostase dient.

Je vernetzter unser Leben in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten wurde, umso mehr begannen wir unser Leben als stresshaft zu empfinden. Dieser Prozess, der die Räume immer mehr zusammenschrumpfen ließ, veränderte auch unsere Wahrnehmung für die Zeit sehr maßgeblich. Der Rhythmus unserer inneren Uhren ist bis zum heutigen Tag um vieles langsamer als die Zeitmessgeräte in unserer Umwelt uns glauben machen. Diese Diskrepanz führt zu Konflikten, die bei den verschiedenen Individuen ein unterschiedliches Maß an Stress hervorrufen.

Heutzutage sind die Stress-Situationen, die wir erleben, in der Regel nicht mehr lebensbedrohlich. Die „Fight oder Flight“ Reaktion, von der unser Überleben in früheren Zeiten abhing, muss heute nur mehr in seltenen Fällen abgerufen werden. Dennoch ist dieses Verhalten tief in uns verankert. Allerdings sind die Stressoren - Reize, die eine Stressreaktion auslösen - und die Stressantwort des Stress-Systems häufig unverhältnismäßig. Vielleicht kann ich den Zustand, der entsteht so erklären: Wir haben heute nur in seltenen Fällen, die Möglichkeit den entstandenen Stress, das heißt die vielen Substanzen der Stressantwort, abzubauen. Der Baum der Entzündung glüht weiter. 

Nur durch Aktivität nicht aber durch Inaktivität können wir diesen Spannungszustand loswerden. Wir müssen uns bewegen. Viele von uns haben deshalb den Ausdauersport für sich entdeckt, um diesen Stress abzubauen.

Wenn Stress zu einem chronischen Zustand wird, macht er uns das krank. Eine chronische Entzündung entsteht. Aber das wird Thema des nächsten Kapitels sein. Der Stress, denn wir gewöhnlich in unserem Alltag erleben, ist ein ausgesprochen relatives Phänomen. Denn was für den einen Stress bedeutet, wird von einem anderen nicht notwendigerweise auch als solcher empfunden. Auch wie wir mit starken, zeitlich begrenzten Stress-Situationen umgehen, variiert von Individuum zu Individuum. Im Gegensatz dazu verbindet uns alle Stress, wenn dieser auf einer konkreten Lebensgefahr basiert.

 

Akuter Stress verbindet uns Menschen, chronischer Stress trennt uns.


Unser Leben hängt also von einem präzise arbeitenden Stress-System ab. Wenn wir in unserer Evolution zurückblicken, damals als wir noch Großwildjäger waren, stellten diese Unternehmungen zu jeder Zeit eine Lebensbedrohung dar. Tief eingeprägt in unseren Körper sind die zahllosen Prozesse, die stattfinden, wenn unser Körper unter solchen Stress gerät.

Diese Reaktionsmuster blieben über die Jahrtausende unverändert - zumindest sind die Veränderungen, sollten sie denn wirklich stattgefunden haben, für uns Beobachter bis heute nicht wahrzunehmen.
 

Bis heute sind wir es allerdings immer noch gewohnt, bei Erkrankungen das Immunsystem im Vordergrund zu sehen und nicht das Zusammenspiel aller drei Systeme.