STRESS UND ZEIT IN DER BIOLOGIE

Beide beschreiben Aktivitätszustände des Organismus. Und so entstehen sie: Das Stress-System bringt diese Zustände hervor. Es ist in jedem Moment unseres Lebens aktiv. Funktioniert es reibungslos, dann fühlen wir uns wohl, ist es überfordert, entwickeln sich daraus in Abhängigkeit von der Dauer des Zustandes alle krankmachenden Zustände, die wir kennen. Die Zeit spielt in der Biologie eine sehr wichtige Rolle und findet meiner Ansicht nach zu wenig Beachtung.

 

Eine einmalige Messung wird allzu oft als unumstößliche Tatsache gesehen, anstatt als eine Momentaufnahme mit geringer Aussagekraft. 

 

Deshalb lassen Sie sich durch eine Messung außerhalb der Norm nicht gleich irritieren. Nicht nur ein Messfehler kann der Grund sein. Wir sind wie alle Lebewesen. In uns schlägt  eine Uhr. Alle Körperfunktionen, die Organe, die Zellen, die Hormone und andere Botenstoffe folgen einem Rhythmus, der eng das Licht geknüpft uns somit ungefähr 24 Stunden umfasst. Daraus ergeben sich Schwankungen der Messungen über den Tag. Darüber hinaus beeinflussen die Lebensumstände und unsere Tagesaktivitäten die Messwerte. Deshalb sollte der Verlauf eines Wertes beobachtet und das Muster beurteilt werden. Blutdruck- und die Blutzuckermessungen sind hierfür gute Beispiele. Als PatientIn sollte man immer auf mehrmalige Messungen drängen und erst nach mehrmaliger Kontrolle mit der Einnahme von Medikamenten wie Antidiabetika oder Blutdrucksenkern beginnen. Auch von den Statinen sollte Sie sich tunlichst fernhalten. Ihre Verordnung ist heute äußerst fragwürdig.

 

Für mich ist die Zeit ein integraler Bestandteil von Leben, im Tode hat sich die Zeit aufgelöst.

 

In der Medizin und in der Biologie tut man sich schwer mit der Zeit, vielleicht deshalb, weil sie in uns ist und durch Messungen schwer zu fassen ist. In der Physik ist es etwas leichter mit der Zeit umzugehen, weil sie nach draußen in den Raum ausgelagert wird, die man an einer Uhr festmachen kann.

 

Jeder Entzündung liegt ein Stresszustand im biologischen Sinn zugrunde. Dieser Stresszustand ist die Antwort des Stress-Systems auf Reize aus der Umwelt, aber auch aus dem Inneren unseres Organismus. Wir sind übrigens für Veränderungen in unserer inneren Umwelt ca. 100.000mal empfindlicher als Veränderungen in unserer äußeren Umwelt. 

Das Ergebnis der Stressverarbeitung sollte jenes Gleichgewicht sein, das mit Wohlempfinden gleichzusetzen ist. Die Stressantwort des Organismus ist kein bewusster Prozess. In der Regel tritt das Bewusstsein erst dann in Funktion, wenn das traumatische Ereignis (die Stress-Exposition) vorüber ist. Wäre dies nicht der Fall, käme jede angemessene lebensrettende Reaktion längst zu spät. 

Zelle unter oxidativem Stress durch freie Sauerstoffradikale

Lassen Sie sich nicht durch einen einzigen Messwert irritieren

Das Stress-System besteht aus komplex geschalteten Regelkreisen, die Myriaden von Reizen, Signalen, Wahrnehmungen beinahe in Echtzeit interpretieren, analysieren und Korrekturen auslösen. Dieses Netzwerk, das im Gehirn verortet ist, vergleicht ständig die aktuellen Werte aus der Peripherie mit den vorgegebenen Standardwerten und initiiert die entsprechenden Anpassungen und Korrekturen in der Peripherie des Körpers. Die Peripherie sendet die korrigierten Ergebnisse umgehend zurück, der Prozess beginnt von Neuem. Dies erfolgt mit einer Frequenz, die nahe an ein Kontinuum heranreicht. Wenn die akute Stressantwort angestoßen wurde, erfolgt nach einer kurzen aktiven Phase aller involvierten Systeme, die Kontrollphase, die durch die selben Systeme durchgeführt wird. Alle Aktivierungsereignisse laufen innerhalb einer Minute ab, ab dann wird nur noch gebremst. 

Auf diese Weise werden Werte wie Blutdruck, pH, Körpertemperatur oder Blutzuckerspiegel moduliert und innerhalb von definierten Grenzen konstant gehalten. 

Die Antwort auf Stresseinflüsse: Innerhalb von einer Sekunde kann das Stress-System  aktiviert werden. Dann beginnen umgehend die Prozesse der Eindämmung und Kontrolle. Es kann Stunden bis Tage dauern bis der Organismus sein Gleichgewicht wieder findet.

Nachdem was ich gerade niedergeschrieben habe, sieht es so aus als wären Stresszustand und Entzündungen nur zwei Seiten der gleichen Medaille. Das ist auch der Fall, solange sich der Organismus im Gleichgewicht befindet. Wenn dem nicht mehr so ist, dann verliert das Stress-System seine innere Harmonie.

 

Die Entzündung wird stärker, sie ist dann nicht mehr unterschwellig, sie wird messbar. Das Immunsystem an sich ist dereguliert und in der Folge sind dann andere Organsysteme wie Gefäße, Bindegewebe, Muskeln, der Stoffwechsel oder einzelne Organe betroffen. Als Diagnose folgen irgendwann - der Zeitpunkt ist unvorhersehbar - die vielen chronischen Erkrankungen, denen wir so hilflos gegenüber stehen. 

 

Lange Zeit bleibt die chronische Entzündung unseren Messmethoden verborgen. Deshalb muss ich Ihnen die Antwort auf die Frage, wie Sie die Entzündung bei sich entdecken können, ohne auf Ihr Körpergefühl zu achten, schuldig bleiben. Erst wenn eine chronische Entzündung zu einer chronischen Erkrankung zu werden droht oder die Diagnose bereits gestellt ist, dann spiegelt sich das auch in den Laborwerten wider. Die Werte im einzelnen vorzustellen und zu erläutern sprengt leider den Rahmen dieses Buches, da ich jede Erkrankung gesondert betrachten müsste. Natürlich sind die unspezifischen Entzündungsparameter wie CRP, Blutsenkungsgeschwindigkeit, Interleukin-6 und Interleukin-1 oder die Immunglobuline meist erhöht, das Blutbild verändert oder der Cortisolspiegel erhöht. Starker dauerhafter Stress führt zu einer Erhöhung des Cortisols mit nachhaltigen Wirkungen auf den Stoffwechsel. 

 

Die Messung die Herzrhythmus-Variabilität ist ein guter Indikator für das Ausmaß der Entzündung im Körper.


"Ich kann ein langes Lied davon singen, was es heißt zu übertreiben, zu meinen, schneller ans Ziel kommen zu können als andere oder als mein Organismus es zulassen wollte. Viele Verletzungen haben mich über Jahre begleitet. Ich hatte zwei Jahrzehnte keine regelmäßige Bewegung mehr gemacht, als ich zu laufen begann. Nun laufe ich seit 25 Jahren regelmäßig. Jetzt ist die Basis für eine gute Ausdauerkondition gelegt. Seit zwei Jahren mache ich zusätzlich High Intensity Intervall Krafttraining (HIIT). Laufen war zu einseitig und brachte mir von Ischiasproblemen, Muskelrissen bis hin zum Fersensporn eine ganze Reihe von Verletzungen und Schmerzen ein.

Wenn ich mich zu stark belaste, an einem Wochenende zu viele Kilometer laufe, dann weiß ich heute, dass ich am nächsten Tag  schlecht gelaunt, mürrisch und lustlos bin, die Arbeit nicht von der Hand geht. Der Appetit ist nicht gut. Ich fühle mich einfach schlecht. All das ist eine Folge der Entzündungsprozesse im meinem Körper"